CC BY-NC-SA
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Beschreibung

Diese Version des "Mädchen mit Tauben/Die Unschuld" entstand für Schadow selbst, etwa zeitgleich zur ersten Fassung für den Fürsten Miklos Esterházy. Ridolfo beabsichtigte damit, seine Gruppe ("Spinnerin", "Sandalenbinderin", "Amor") zu vervollständigen. Nach seinem Tod gelangte die Figur jedoch nicht zu den drei anderen, sondern stand als Einzige im Berliner Schloss. Auffällig ist der Blumenkranz, den auch Amor hält und als Hinweis auf seine abschließende Wahl gelesen werden kann. Ein von Ridolfo gefertigtes mutmaßliches Porträt seiner Verlobten Elena Buti ähnelt dem Mädchen sehr. In einer Federzeichnung (Kunsthalle Bremen) hielt Schadow einen intimen Moment fest: Eine junge Frau mit einem Kranz im Haar und nur mit einem hauchdünnen Tuch bedeckt betrachtet eine Taube in ihrer angewinkelten linken Hand. Im Schoß hält sie mit der Rechten ein Körbchen mit weiteren Vögeln. Die Komposition scheint eine Vorstudie zu seinem Mädchen mit Tauben zu sein. Solche Mädchendarstellungen mit Vögeln gibt es bereits in der Antike, z.B. bei griechischen Grabrelieftafeln. Schadow mag auch das antike Mädchen mit Vogel (2. Jh. n.Chr. nach einem hellenistischen Vorbild) in den Kapitolinischen Museen in Rom vor Augen gestanden haben. Der Mythos des Vogels in Verbindung mit jungen Frauen ist seit jeher vielgestaltig: In der archaischen Kunst halten Koren (idealschöne Mädchen im heiratsfähigen Alter) häufig einen Vogel auf der Hand oder im Arm. Speziell die Taube galt als Begleittier der Liebesgöttin Aphrodite/Venus: Sie symbolisiert Scheu, Zartheit, Unschuld einerseits und Fruchtbarkeit andererseits. Der Kindgott Harpokrates, die hellenistische Version des altägyptischen Horus, wurde mitunter mit einer Taube dargestellt: Er veranlasste die Nilschwemme, die einen ertragreichen Ackerbau ermöglichte. Somit symbolisierte auch er Fruchtbarkeit. Die bei Harpokrates-Darstellungen oft vorkommende Geste des an den Mund gelegten Fingers verwendete Schadow schließlich bei seinem Amor. "Das Mädchen mit Tauben" enthüllt endlich das Geheimnis der Gruppe: Die gleichen Gesichtszüge und den Kranz aus kleinen Rosenblüten zeigt nämlich Schadows 1816 gefertigte Büste (LETTER-Stiftung), in der das Porträt seiner Verlobten, der 1797 geborenen Elena Buti, vermutet wird. Amor hält ebendiesen Kranz in der Hand. Er hat sich also entschieden, welches der drei Mädchen er wählt! Nun wird die Absicht des Bildhauers begreiflich, alle drei Mädchenstatuen – die „Schwestern“ Buti – mit dem Amor in Verbindung zu bringen. Auf diese Weise kann die Zusammenstellung als eine Liebeserklärung für die Älteste, Elena, interpretiert werden. Am 5. Dezember 1831 berichtete Gottfried Schadow dem preußischen Kronprinzen, dass bei ihm die in Rom entstandenen Werke seines verstorbenen Sohnes Ridolfo eingetroffen seien. Darunter befand sich auch ein „sitzendes junges Mädchen, das mit einem Täubchen scherzt“. „Im selben Genre entworfen wie die beiden bekannten Figuren der Spinnerin u. Sandalenbinderin.“ Ob es sich bei dieser Schilderung um das lebensgroße Exemplar der "Unschuld" handelte oder um eine ebenfalls von Ridolfo verfertigte Verkleinerung, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Letztlich ist es nicht genau belegt, wann die "Unschuld" als letzte Skulptur der Gruppe vom preußischen König angekauft wurde. Offenbar hat man ihren Sinnzusammenhang damals aber nicht verstanden. Entgegen dem Willen des Bildhauers kam das "Mädchen mit Tauben" nicht zu den anderen drei Figuren ("Spinnerin", "Sandalenbinderin", "Amor"), sondern wurde im Berliner Schloss platziert. Eine verkleinerte, heute verlorene Version der Skulptur erwarb Marianne Prinzessin von Oranien-Nassau (1810–1883), die Frau des Prinzen Albrecht von Preußen (1809-1872). Silke Kiesant (Lit.: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Schloss Charlottenburg, bearb. v. Margarete Kühn, 2 Bde., Berlin 1970, Bd. 2, Abb. 450. - Eckardt, Götz: Ridolfo Schadow. Ein Bildhauer in Rom zwischen Klassizismus und Romantik, Köln 2000 (LETTER-Schriften, 13), S. 105-107, WVZ 43.2)

Objektart Sitzstatue
Maße Hauptmaß: Höhe: 137.00 cm Breite: 53.00 cm Tiefe: 65.00 cm - Plinthe: Breite: 32.50 cm Länge: 62.00 cm
Material Marmor
Inventarnummer Skulpt.slg. 5580
Stand der Infomationen 2023-10-05 23:55:03
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Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg CC BY-NC-SA

Dieses Objekt im Museum

Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Die Hohenzollern ließen ab dem 17. Jahrhundert neben ihrer Hauptresidenz in Berlin verschiedene Schloss- und Gartenanlagen in der Havellandschaft bei Potsdam errichten. Der Gartengestalter Peter Joseph Lenné fasste im 19. Jahrhundert mehrere dieser Schloss- und Gartenensembles zu einer Kulturlandschaft zusammen, die 1990 in die UNESCO-Liste des Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde. Die 1995 gegründete Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) pflegt diesen Reichtum brandenburgisch-preußischer Geschichte, betreut die Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen und macht sie auf vielfältige Weise der Öffentlichkeit zugänglich. Die SPSG ist ein Zusammenschluss der nach 1945 getrennten Schlösserverwaltungen in Potsdam und West-Berlin und knüpft an die bereits 1927 im Zuge der Vermögensauseinandersetzung mit dem Haus Hohenzollern gegründete preußische Schlösserverwaltung an. Derzeit verwaltet die SPSG über 150 historische Bauwerke sowie rund 800 Hektar Gartenanlagen. Über 30 Häuser aus fünf Jahrhunderten mit ihren hochkarätigen Kunstsammlungen sind der Öffentlichkeit regelmäßig zugänglich. Dazu gehören in Potsdam u.a. das Schloss Sanssouci, die Bildergalerie, das Neue Palais und Schloss Charlottenhof im Park Sanssouci sowie das Marmorpalais und Schloss Cecilienhof im Potsdamer Neuen Garten. In Berlin betreut die SPSG Schloss und Garten Charlottenburg, Jagdschloss Glienicke, Schloss Schönhausen und die Pfaueninsel. Hinzu kommen die märkischen Schlösser Rheinsberg, Königs Wusterhausen, Caputh und Paretz sowie das Schlossmuseum Oranienburg.

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